Chicago Marathon - Erfahrungsbericht zum Major in der Windy City

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Der Bank of America Chicago Marathon ist Teil der sechs World Marathon Majors. Das alleine ist für viele Läuferinnen und Läufer wahrscheinlich schon Grund genug, um mitlaufen zu wollen. Doch was bietet der Marathon darüber hinaus? Das habe ich in diesem Jahr versucht herauszufinden.

Was macht den Chicago Marathon aus?


Neben dem Fakt, dass der Chicago Marathon Teil der World Marathon Majors-Serie ist, ist er auch richtig schnell. Das beweisen unter anderem der Streckenrekord bei den Männern vom Kenianer Dennis Kimetto aus dem Jahre 2013 (2:03:45 h) sowie der in diesem Jahr von der ebenfalls aus Kenia stammenden Läuferin Brigid Kosgei aufgestellte überragende Frauenweltrekord über die 42,195 Kilometer (2:14:04 h).

Zudem hat Chicago selbst aber auch einiges zu bieten. Dazu aber später mehr. Besonders spannend finde ich, dass sich ein Großteil des Rennens in der Nähe der Loop (Quasi die Ringbahn von Chicago) abspielt. Man läuft gefühlt Sternförmig immer wieder aus der Stadt raus und rein. Das bietet vor allem den Vorteil, dass einen Familie und Freunde mit wenig aufwand an mehreren Punkten entlang der Strecke anfeuern können.

Wie kommt man an einen Startplatz?


Wie bei allen Majors, gibt es auch beim Chicago Marathon mehr Menschen, die mitlaufen wollen, als Startplätze. Insofern ist es gar nicht so leicht einen Startplatz zu bekommen.

Bereits Tage vorher begegnen einem Überall in der Stadt Plakate 
Die preiswerteste Variante für Jedermann ist die Lotterie. Diese beginnt kurz nach dem letzten Marathon Ende Oktober und läuft bis Anfang Dezember. Hat man hier Glück, darf man einen Startplatz bewerben (die Anmeldegebühr für den Marathon 2019 lag für non U.S. residents bei 230 $ - für US-Bürger geringfügig günstiger). Über die Lotterie einen Startplatz zu ergattern ist aber eher unwahrscheinlich.

Zum gleichen Preis, aber für einen deutlich eingeschränkten Personenkreis gibt es auch die Möglichkeit sich über seine Zeit zu qualifizieren. Die Zeitlimits sind zwar lockerer als bspw. in Boston oder Tokyo, trotzdem aber nicht ohne. Als Mann unter 30 Jahren muss man eine 3:05h vorweisen können, als Frau einen 3:35h oder besser. ABER: So eine Zeit bedeutet nicht automatisch, dass man dabei ist. Je mehr Läufer sich bewerben, desto weiter sinkt die Zielzeit. Weitere Infos findest du auch hier direkt beim Veranstalter.

Zudem kann man auch durch Spenden einen Charity-Platz ergattern. Hier siegt die Verrücktheit und wer am meisten sammelt, ist dabei. Kann man machen, bedeutet aber, dass man im Zweifelsfall mehrere Tausend Euro zusammenkriegen muss. Machbar, aber dann gibt es vielleicht doch noch eine günstigere Variante.

Den guten alten Reiseveranstalter. Hier sind die Plätze sehr begrenzt, dafür garantiert. Schnell sein lohnt sich, denn der Andrang ist groß. Genau wie der Preis. 2.500€ aufwärts muss man für einen Kurztrip inkl. Startnummer kalkulieren. Dafür hat man in den meisten Fällen ein Rundumsorglospaket und kommt entspannt durch das Wochenende.


Rahmenprogramm - was gibt es vor Ort zu erleben?


Wer den Marathon laufen will, bekommt am Freitag und Samstag seine Startnummer auf der Abbott Health & Fitness Expo im McCormick Place. Hier warten neben neben den großen Sponsoren wie Nike auch viele spannende kleinere Stände diverser lokaler und regionaler Aussteller rund um die Themen Sport und Gesundheit. Ein kleiner Foodcourt sorgt für die Energiezufuhr, damit man in Ruhe alles erkunden kann.

Auf keinen Fall sollte man sich den Chicago International 5K entgehen lassen. Dieser 5 Kilometer-Lauf findet am Samstag vor dem Marathon in der Innenstadt statt und ist quasi der Shakeout Run vor dem Marathon. Auf jeden Teilnehmer wartet neben der schicken Finisher-Medaille eine schön warme Mütze im Chicago-Desgin. Die Anmeldung kostet circa 35 $. Start ist um 7:30 Uhr am Daley Plaza.  Mehr Infos zu diesem Lauf bekommst in meinem oben verlinkten Blogpost zum Chicago International 5K.


Zudem bekommt man als Marathoni im Zeitraum um den Marathon Rabatte bei einigen Sehenswürdigkeiten in Chicago. Eins davon ist das Art Institute of Chicago. Dieses 1866 gegründete Kunstmuseum enthält viele berühmte Kunstwerke und weiß selbst nicht unbedingt kunstaffine Besucher zu begeistern. Ein Museum mit echtem Wow-Effekt!

Zudem bietet Chicago auch darüber hinaus noch einige Sehenswürdigkeiten, wie den beeindruckenden Ausblick aus dem 103. Stock des Willis Towers (412m Höhe). Und erst recht sollte man sich die Chicagoer Deep Dish Pizza nicht entgehen lassen. Die gibt es mittlerweile auch als vegane Variante bei der Pizzeria The Chicago House of 'Za.
Ein absolut Muss in Chicago - Deep Dish Pizza. Bei The Chicago House of 'Za vegan.

Die Organisation am Renntag


Das Rennen selbst ist typisch amerikanisch gut organisiert. Wer nicht direkt in Downtown Chicago wohnt, wird aller Wahrscheinlichkeit irgendwo auf der Loop ankommen. Von hier aus sind es zu Fuß nur wenige Meter bis zum Startbereich. Doch bevor man diesen betreten darf, wartet ein ausführlicher Sicherheitscheck auf einen. Zugelassen sind nur die durchsichtigen Kleiderbeutel, die man mit seiner Startnummer bekommt. Dieser wird vor Ort noch einmal gründlich inspiziert und das kostet Zeit. Obwohl ich rechtzeitig da war, waren die Menschenschlangen beim Sicherheitscheck extrem lang.
Das war nur die Spitze des Eisberges was die Schlangen vorm Security Check angeht..

Hat man diesen passiert, wartet schon das nächste Nadelöhr auf einen. Im Startbereich war die Toilettensituation für meinen Geschmack deutlich unterdimensioniert, weshalb ich Läufer (sowohl Männer als auch Frauen) gesehen habe, die noch kurz vorm Start IM Startblock gepinkelt haben. Was muss das muss. Aber angenehm ist anders und definitiv vermeidbar. Das kannte ich aus New York und London deutlich besser organisiert. Hier waren die schlangen doch eher übersichtlich.

Zum Glück wird man aber seinen Beutel schnell los und dann kann es auch schon Richtung Startblock losgehen. Ich durfte aus dem letzten Block der ersten von drei Startwellen starten. Das bedeutete, dass ich gegen 7:50 Uhr (offizieller Start ist um 7:30 Uhr) die Startlinie überqueren konnte.


Zeit für das Rennen - der Bank of America Chicago Marathon 2019


Wie bereits eingangs erwähnt, bietet die Strecke in Chicago ein besonderes Highlight. Sie ist beinahe sternförmig und führt immer wieder aus dem Stadtzentrum heraus und wieder herein. Dadurch können sowohl Anwohner von außerhalb, als auch Menschen in der Innenstadt anfeuern. Und gerade die Leute in der Innenstadt kommen dank der Loop schnell von A nach B und können an mehreren Streckenabschnitte anfeuern. Das ist ein echter Mehrwert und sorgt für starke Stimmung am Streckenrand.

Doch von der ach so schnellen Strecke merkt man zunächst nichts. Im Gegenteil. Die ersten Kilometer sind dank einiger Brücken halbwegs wellig, doch sobald man Richtung Norden aus der Stadt herausläuft, geht es rund. Nach und nach ebnet sich der Weg und klimatisch warten klassischerweise gemäßigte Temperaturen bei 5 bis 15 Grad auf die Läufer. Dadurch wird Chicago richtig schnell. So schnell, dass hier Bestzeiten definitiv möglich sind, wenn einen der Wind nicht zu hart triff. Dieser hielt sich diesmal aber zum Glück zunächst zurück und so galt bei mir aller Fokus dem grandiosen Publikum und der um weite Strecken sehr ansehnlichen Strecke.

Der Veranstalter sprach tags darauf von weit über 1,5 Millionen Zuschauer (Berlin hat bei gutem Wetter circa 1 Mio.), was die Strecke zu einem einzigen Stimmungshotspot werden lässt. Und das bei 4 Grad morgens! Die Menschen in Chicago verdienen ein ganz großes Lob. So macht Marathon Spaß. Stimmungsmäßig ist der Lauf also eine reine Empfehlung.

Getragen von der guten Atmosphäre lässt sich die Strecke schnell bewältigen. So schnell. dass man es kaum mitkriegt, dass man sich schon kurz vorm Ziel befindet. Da signalisiert höchstens der Körper, weil er aus jedem Loch pfeift. Die Strecke lässt es ohne Ortskenntnis kaum vermuten, dass man schon nah am Grant Park ist. Und genauso war das auch bei der Stimmung (weil die schon über Kilometer zuvor super war). Insofern habe ich das erst gemerkt, also ich das Schild mit "600m" gesehen habe. 600 Meter vorm Ziel. Da muss man sich mental schnell auf den Schlussspurt vorbereiten. In Berlin und New York beispielsweise fühlt es sich schon deutlich eher nach "dicht am Ziel" an.

Nichtsdestotrotz fühlt sich der Zieleinlauf im Grant Park super an. Denn bei strahlendem Sonnenschein geht es auf breiten Straßen Richtung Erlösung.

Die Verpflegung


Für mich führt mittlerweile kein weg mehr an eigener Verpflegung vorbei. Zu oft hatte ich Probleme mit dem Magen. Deshalb konzentrierte ich mich bei den Verpflegunspunkten allein auf das Wasser. Dennoch gibt es von mir ein dickes Lob für die gesamte Verpflegungssituation. An insgesamt 19 Punkten (also ca. alle 2 bis 2,5km) gab es Wasser und Isodrinks. Und diese Stände waren so lang, dass eigentlich jeder ohne Stau direkt sein Getränk greifen und weiterlaufen konnte. Hier gab es echt nichts zu meckern. Und zudem gab es an vier Stationen ab der Halbmarathonmarke Verpflegung in Form von Obst wie Bananen und ich meine auch Äpfel und Orangen ausgemacht zu haben. Zudem wartete kurz vorm Kilometer 35 die Biofreeze Pain Relief Zone darauf, schmerzenden Läuferbeinen Erholung durch Kälte (in Form von Sprays) zukommen zu lassen.


Im Ziel angekommen


Bei aller Liebe zum Marathon bin ich nämlich auch froh, wenn es rum ist. Und die Zielverpflegung ist erste Sahne. Wasser und Isodrinks warten nach wenigen Metern. Genauso bekommt man eine Plastikfolie, damit man nicht auskühlt und wenige Meter später wartet auch schon ein Beutel mit Obst und Knabberzeug auf einen. Und wenn man denkt man hätte schon alles, kommt ein langer Stand mit Bierdosen im Design des Marathons. In Amerika. Alkohol mitten auf der Straße. Ohne Alterskontrolle. Für mich als Berliner Alltag (hier trinkt gefühlt jeder Zweite nachmittags sein Feierabend in der Bahn), in den USA etwas besonderes. Und das Bier besonders lecker. Vielleicht lag es aber auch daran, weil die Dose zum Sammeln einlädt und unter dem Logo des Marathons sechs Felder warteten, die von einem mit der Zielzeit __:__:__ ausgefüllt werden wollten.
Da ist das gute Stück

Etwas weniger gut fand ich, dass ich nach meiner Zielankunft rund 45 Minuten in der Schlange für meinen Kleiderbeutel anstehen musste. Gerade im nassgeschwitzten Zustand nach einem Marathon geht das gar nicht. Hier ist dringender Optimierungsbedarf, denn das habe ich echt bei keinem meiner 12 Marathons zuvor so schlecht organisiert erlebt.

Gut ist aber, dass Start und Ziel an einem Punkt sind. Das spart viel Zeit (verglichen mit der weiten Anreise wie in New York oder London) und Nerven. Und zudem kann man sicher sein, dass der Beutel auf der Strecke von A nach B nicht verloren geht.

Und genauso gefällt mir auch, dass es in Chicago keine Medaillengravur vor Ort gibt, sondern iTAB. Hierbei bekommt man ohne anstehen wenige Tagen nach dem Rennen eine kleine gravierte Platte, die man auf der Rückseite der Medaille befestigen kann. Dieser Spaß kostet 10 $. Nicht billig, aber schnell gemacht und deutlich günstiger als bspw. die 25 $ für die Gravur in New York beim Marathon). Zudem kann man diesen Service auch noch einige Wochen nach dem Marathon buchen.

Zeit für Party


Hat man sich endlich selbst besiegt und die 42,195 Kilometer erfolgreich gemeistert, wartet die Biofreeze 27th Mile Post-Race Party auf einen. Erst hatte ich mich gewundert, was hinter dem komischen Namen verbirgt. Aber vor Ort war ich sehr begeistert davon. Denn vor Ort war eine riesige Party im Grant Park organisiert. Mit Livemusik, Essen und Getränken kann man also vor Ort mit seinen besten zusammen auf den tollen Marathon anstossen und feiern. Tolle Idee, die mich sehr begeistert habe. Dementsprechend lange waren wir nach dem Rennen auch noch vor Ort. So eine Art von Party gefällt mir wesentlich besser als die in Berlin am Abend nach dem Rennen.
Gute Laune ist bei der Biofreeze 27th Mile Post-Race Party garantiert

Mein Fazit zum Rennen


Die Stimmung war echt grandios. Davon getragen hat es bereits zwei Wochen nach dem Berlin Marathon (3:21h) gleich noch einmal für eine neue Bestzeit bei mir gereicht. In 3:17h ging es für mich über den Rundkurs, der sich trotz Großstadt und mehr als anderthalb Millionen Zuschauern von der Atmosphäre her wie ein kleiner überschaubarer Lauf angefühlt hat. Und das meine ich absolut positiv. Ich habe mich beim Lauf direkt angekommen gefühlt und dadurch ist es einfach geflutscht. Zudem merkt man einfach bei Läufen in den USA, wie Sportverrückt die Menschen sind. Sowohl vor  als auch nach dem Rennen wird man als Marathoni mit höchster Achtung behandelt. Viele geben dir das Gefühl, du wärst ein außergewöhnlicher Held, weil du 42 Kilometer weit laufen kannst. Das ist echt Gänsehaut pur.

Zudem ist auch die Anmeldegebühr mit umgerechnet rund 200€ kein Schnäppchen, aber im internationalen Vergleich absolut im Rahmen. Denn in der Anmeldegebühr ist auch noch eine Laufshirt von Nike inkludiert. Nichtsdestotrotz hat mich Chicago nicht vollends überzeugt. Der Lauf war schön und die Stadt nett, aber irgendwie fehlte mir der besondere Kick, den zum Beispiel New York hat. Für einen schnellen Marathon würde ich noch einmal an den Start gehen, aber den kriegt man auch in Europa hin. Und Stimmungsmäßig ist und beim New York für mich die Messlatte.

Wie geht es für mich nun weiter?


Mein Ziel sind ganz klar die Majors. Irgendwann will ich gern noch Nummer 5 und Nummer 6 voll machen - Boston und Tokyo. Dafür brauche ich aber viel Geld. Oder schnelle Beine. Ersteres habe ich nicht, weiteres lässt sich womöglich antrainieren. Denn für Boston hätte ich beim letzten Marathon Beispiel eine Zeit unter 2:58h gebraucht, um mich über die Zeit qualifizieren zu können. Und dabei bin ich stolz, nach vielen Jahren endlich auf eine 3:17h gekommen zu sein. Und noch einmal 20 Minuten davon abzureißen wird hart. Verdammt hart. Aber zum Glück bin ich ja nicht jung und habe viel Zeit. Bis dahin warten sicher noch viele andere schöne Läufe auf dieser Welt auf mich, die gelaufen werden wollen. Insofern halte ich die Augen auf. Manchmal wartet das Gute ja schon auf einen und will nur entdeckt werden..

Weiterhin mein Ziel: Die Six Star Medal

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Test: Apple Watch Series 5 - lohnt sich der Umstieg für Läufer?

11:40 kulikeljudi 0 Comments


Anzeige: Die Uhr wurde mir netterweise von Apple für den Test zur Verfügung gestellt.

Seit Ende September ist Apples neue Watch der 5. Generation auf dem Markt und seitdem begleitet mich die neue Apple Watch Series 5 nun Tag für Tag. Welche Neuerungen die Smartwatch mitbringt und ob speziell Läuferinnen und Läufer davon profitieren, liest du hier..
Unterwegs mit der neuen Apple Watch Series 5

Unerwartet und irgendwie doch nicht überraschend stellte Apple Ende September das Update seiner Smartwatch vor. Die Gerüchteküche brodelte - insbesondere in Hinblick auf ein Case aus Keramik und Titan - aber anstatt der Series 4 zwei neue Gehäusematerialien zu spendieren, gab es gleich eine ganz neue Modellgeneration.

Rein Optisch unterscheiden sich die Uhren der 4. und 5. Generation nur minimal, nämlich an der Modellbezeichnung auf der Unterseite der Uhr. Weiterhin wird die Watch im 40mm und 44mm Gehäuse angeboten und auch die Armbänder sind wie aus den letzten Jahren gewohnt aufwärtskompatibel, sodass man seine liebgewonnenen Armbänder problemlos auch mit der neuen Uhr verwenden kann.
Series 4 (links) und Series 5 (rechts) sind rein äußerlich kaum zu unterscheiden
Etwas mehr Updates verstecken sich hingegen im Gehäuse versteckt und diese sind für mich als Läufer schon interessanter. Insbesondere in Hinblick auf die beiden Marathons in Berlin und Chicago, die ich in der Zwischenzeit mit der neuen Apple Watch Series 5 gelaufen bin.

Die Inneren Werte - Always On


Die wahrscheinlich größte Neuerung der neuen Smartwatch bietet das innovative Display, mit dem die Uhrzeit und wichtige Informationen ab sofort immer sichtbar bleiben sollen. Bisher musste der Arm bewegt oder das Display berührt werden, um die Watch aus dem Ruhemodus wieder aufzuwecken. Hierfür wurden speziell auch einige neue Zifferblättern vorgestellt, denn bisher schaltete sich das Display immer nach einer festgelegten Zeitspanne aus (15-70 Sekunden), um den Stromverbrauch der Watch in Grenzen zu halten.

Und genau das ist schon ungünstig, wenn man gerade trainiert und den Arm nicht ruckhaft bewegen (im Zweifel war das mehrfach notwendig) oder auf das Display drücken kann. Und besonders  als Anzugträger hatte ich auch auf Arbeit hin und wieder den Spaß, wenn ich dezent auf die Uhr blicken wollte, aber nicht konnte. Denn der offensichtliche Blick auf die Uhrzeit kann schon unhöflich sein. Erst recht wenn man diese nicht einfach mit einem verstohlenen Blick ablesen kann, sondern seinen Arm schüttelt oder auf die Uhr tatscht.

Das soll nun aber der Vergangenheit angehören. Mit seinem Low Temperature Polycrystalline and Oxide Display (kurz LPTO-Display) will Apple den Stromverbrauch des Displays massiv verringern. Nutzt man die Watch aktiv, wird das Display wie gewohnt mit einer Bildwiederholungsrate von 60 Hertz aktualisiert. Wechselt die Watch in den Ruhemodus, ändert sich die Bildwiederholungsrate auf 1 Hertz. Das heißt, dass das Bild nur noch einmal pro Sekunden aktualisiert wird und dennoch aktiv bleibt.

Im Alltag bedeutet das, dass der Sekundenzeiger im Ruhemodus verschwindet und sich auf dem Zifferblatt nur noch Stunden- und Minutenzeiger bewegen. Man sieht also immer die Uhrzeit, wie man das seit hunderten von Jahren von "normalen" Uhren gewohnt ist. Always On ist derzeit aber noch nicht für alle Apps verfügbar, sondern lediglich bei einigen ausgewählten Apps von Apple selbst. Insbesondere die Training-App profitiert von Always On, denn so sieht man bspw. beim Laufen immer den aktuellen Fortschritt (im Ruhemodus verschwinden die Millisekunden und die Zeit wir nur noch im Format (HH-)MM-SS angezeigt, was aber in den allermeisten Fällen komplett ausreicht).
Sollte gerade eine andere App auf der Watch aktiv sein, die Always On nicht unterstützt, wird eine Digitale Zeitanzeige eingeblendet.

Always On und der Akku


Laut Apple bleibt die Akkulaufzeit der Apple Watch Series 5 auch mit Always On unverändert bei 18 Stunden wie schon zuvor bei der Series 4. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut ist das, weil die 18 Stunden durchaus erreicht werden. Schlecht ist das, weil der Akku meiner Series 4 oft problemlos auch zwei Tage durchhielt. Da reichte es in der Regel, wenn ich die Uhr an Tag 1 gegen 6:30 Uhr mit vollem Akku aus der Ladeschale nahm und an Tag 2 abends gegen 20 oder 21 Uhr wieder in die Ladeschale gelegt habe. Dieser Wert hängt natürlich stark von der Nutzung ab. Bei einem 35km Training hatte die Uhr Abends auch oft nur noch 40-50%, was nicht mehr für einen zweiten reichte, aber wenn ich täglich nur 15-20km laufen war, dann waren zwei Tage oft kein Problem für mich.

Mit Always On komme ich abends oft nur noch auf 20-30%, mit ordentlich Training oder anderweitig intensiver Nutzung (Musikhören etc.), bin ich auch schon abends um 21 oder 22 Uhr bei 0% Akkustand angekommen und dann geht die Watch gnadenlos aus.

Da hilft nur die Uhr zwischendurch wieder ans Stromnetz anzuschließen. Oder man verzichtet auf Always On, was die Akkulaufzeit meiner Erfahrung nach auch bei der Series 5 deutlich erhöht. Dafür einfach unter Einstellungen -> Anzeige & Helligkeit -> Immer eingeschaltet ausschalten. Dann hält der Akku ähnlich lange wie bei der Watch Series 4.

AppStore, Magnetischer Kompass, Geräusche und internationale Notrufe 


Mit der neuesten Generation soll die Apple Watch erwachsener und eigenständiger werden. Das merkt man speziell daran, dass sie sich dank des neuen watchOS 6 an einigen Stellen deutlich von dem (immer noch notwendigen) iPhone abkoppelt. Der neue AppStore sorgt dafür, dass Apps direkt auf der Watch und nicht mehr über das gekoppelte iPhone heruntergeladen werden können.

Mit dem integrierten magnetischen Kompass spricht Apple die outdoorbegeisterte Kundschaft an, denn mit der Apple Watch Series 5 können die Benutzer die neue Kompass App verwenden, um Richtung, Steigung, Längengrad, Breitengrad und die aktuelle Höhe abzulesen. Zudem wird diese auch für die Navigation verwendet, sodass man auf der digitalen Karte immer sieht, in welche Richtung man gerade schaut. Definitiv eine sinnvolle Ergänzung, die ich auch im letzten Urlaub in Chicago und Miami häufiger genutzt habe.

Durch watchOS 6 erhalten auch die Vorgängerversionen der Series 5 einige Updates. Die neue App Geräusche beispielsweise ist auch auf älteren Versionen verfügbar und soll aktiv der Gesundheit des Gehörs dienen. Die Watch überwacht künftig permanent die Geräusch­kulisse in der Umgebung, erfasst, wie lange man ihr ausgesetzt ist und wenn die Apple Watch erkennt, dass der Dezibelwert einen Punkt erreicht hat, an dem das Gehör geschädigt werden könnte, kann sie einen Tap am Handgelenk geben. Laut Apple wird dabei aber lediglich der Schalldruckpegel überwacht. Es wird nicht erfasst, was gesagt oder gehört wird und es werden auch keine Daten darüber an Apple gesendet. Ist man auf einem Konzert oder bei einem lauten Autorennen und setzt sich ganz bewusst einer höheren Lautstärke aus, kann man über die App Health Tipps erhalten, wie man trotzdem sein Gehör vor Schädigungen schützen kann.

Etwas spannender für uns Läufer sind die internationalen Notrufe, die mit der Watch ab sofort möglich sind. Für zusätzliche Sicherheit auf Reisen können Nutzer der Cellular-Modelle der Apple Watch Series 5 jetzt internationale Notrufe tätigen, egal, wo das Gerät gekauft wurde oder ob ein Mobilfunktarif aktiviert wurde. Das ist insbesondere in Hinblick auf die in der Watch integrierte Sturzerkennung spannenden. Mit dieser wird - sofern sie aktiviert ist - automatisch ein Notruf abgesetzt, wenn die Apple Watch erkennt, dass du schwer gestürzt bist und dich für etwa eine Minute nicht bewegt hast. Aufgrund der rechtlichen Situation ist das in Japan und Deutschland nicht möglich, aber in Deutschland hast du vermutlich eh die eSim aktiviert und dadurch bist du auch hier für den Notfall gerüstet.. Und aufgrund der Standortinfortmationen weiß die Apple Watch immer genau, welche Notrufnummer anzurufen ist.

Wie schlägt sich die neue Apple Watch beim Training?


Man wird Tag für Tag motiviert sich fleißig zu bewegen.
In den letzten Jahren haben sich Sport-/ bzw. Laufuhren und Smartwatches immer mehr angeglichen. Sportuhren werden Smarter (wie zum Beispiel die Fenix-Serie von Garmin) und Smartwatches versuchen Sportler noch besser bei ihrem Training zu unterstützen. Das fällt bei der Apple Watch zum Beispiel an den vielen verschiedenen Sportarten auf, die mit der App Training aufgezeichnet werden können. Zudem ist die optische Herzfrequenzmessung seit der Series 4 auf einem Niveau, dass ich diese als gut genug für mein Training ansehe (ein Brustgurt kann natürlich weiterhin über Bluetooth angeschlossen werden, um Herzfrequenz EKG genau zu messen). Als Aktivitätstracker funktioniert die Watch super und motiviert dank seiner drei Ringe (Kalorienverbrauch, Bewegungs- und Stehzeit) seit langem, sich täglich ausreichend zu bewegen.


Zudem kommen immer neue Funktionen wie neuerdings die Aktivitätstrends. Mit Aktivitätstrends in watchOS 6 kannst du in der App Aktivität auf deinem iPhone anhand der Mittelwerte deines Trainings die langfristige Entwicklung deiner Fitness über die letzten 90 und 365 Tage analysieren. Sollten die Aktivitäten einen Abwärtstrend aufzeigen, gibt es wiederum Coaching-Empfehlung, die einen wieder fitter machen sollen.
Mit Klick auf den jeweiligen Wert lassen sich auf dem iPhone detailliert die Trends für die letzten 90/365 Tage anzeigen.

Doch für mich als Läufer geht es vor allem darum, dass ich mir beim Training nicht viele Gedanken um andere Sachen als das Training machen möchte. Einfach raus, Schuhe an, Uhr starten und auf geht's.. Und da fehlt mir auch weiterhin DIE eine App zum Laufen. Apples Training-App ist gut. Man sieht die Durchschnittspace für den letzten gelaufenen Kilometer genau wie für das gesamte Training.  Die Watch gibt mir Hinweise, wenn ich zu schnell oder zu langsam laufe, sofern ich vorher meine Zielpace festgelegt habe. Ich kann Zeit-, Kilometer- oder Kalorienziele setzen und gegen meine eigenen Rekorde oder Freunde antreten.

Aber ein Bahntraining ist auch weiterhin nur bedingt möglich. Für mich funktioniert für ein Intervalltraining weiterhin die Tempo-Training Funktion in der Nike Run Club-App am besten. Am Ende muss man aber bei einem Touchdisplay ohne Knöpfe zur Bedienung immer auf das Display gucken. Blind die nächste Runde einzustellen ist kaum möglich, vor allem wenn man viel schwitzt. Und jeder Blick weg von der Strecke bietet am Ende auch eine gewisse Verletzungsgefahr.

Workout auswählen und los geht's. Neben der Distanz kann man sich in Training auch Zeit oder Kalorienziele setzen
Zudem ist der Export der Daten nur mittels Drittanbieterapps möglich. Mit einem Klick oder gar automatisch das Training in Straka zu importierten ist also nicht möglich, sofern man nicht die Strava-App zum Laufen nimmt.

Andererseits ist Training mit Musik, Hörbücher, Podcasts etc. mit der Apple Watch für mein empfinden so leicht wie mit keiner anderen Uhr auf dem Markt. Vor allem wenn man dazu noch Apples AirPods nutzt. Einmal auf dem iPhone eingerichtet und direkt mit allen über iCloud verbundenen Geräten bruchfrei nutzbar. Das ist top. Dazu hat die Apple Watch nun auch mit 32GB einen doppelt so großen Speicher für alles, was man gern hört.

Zudem kann man sich mittlerweile über Apps wie WorkOutDoors (derzeit 6,99€ im AppStore) auch GPX-Dateien auf der Watch beim Training anzeigen lassen und so in fremden Terrain easy trainieren.  Und insbesondere für Trailläufer und Wanderer kann ich mir den neuen magnetischen Kompass als sinnvolle Ergänzung vorstellen.

Ist man mit dem Training fertig, kann man sich sein Training am besten auf dem iPhone in der Aktivitäten-App anzeigen lassen und auswerten. Das geht easy und für den Ottonormalverbraucher umfangreich genug.

Mein Fazit zur Apple Watch Series 5


Always On ist gerade beim Sport mit Apples Training-App super. Insbesondere bei meinen beiden Marathons habe ich das als wirklichen Mehrwert angesehen. Und auch nach den jeweils circa 3:20h langen Läufen hat die Watch bis zum Abend nicht schlapp gemacht. Leider konnte ich das danach nicht noch einmal mit Musik auf den Ohren vergleichen, weil ich keinen so langen Trainingslauf mehr gemacht habe. Die Antwort zum Stromverbrauch beim Laufen und parallelen Musikhören über 3 bis 3:30h bin ich euch also noch schuldig. Allerdings will ich Always On auch nicht zu hoch in den Himmel loben. Denn für eine Smartwatch ist das vielleicht toll. für gefühlt jede andere Uhr ist das aber absolut normal, dass man jederzeit das Display ablesen kann. Das konnte auch meine TomTom Runner vor bald 10 Jahren schon.

Der Funktionsumfang zum Trainieren ist für die meisten Läufer meines Erachtens vollkommen ausreichend und gerade für Hobbyläufer super. Insbesondere da die Bedienung wirklich intuitiv ist und man sich nicht mit verschiedenen Knöpfen kompliziert durch die Menüebenen klicken muss.

Motiviert sich täglich zu bewegen
Allerdings sind Datenexport und Trainingsauswertung für sehr ambitionierte Lä
ufer auch weiterhin nicht unbedingt ideal. Da geht noch mehr, Apple! 😉

Hat man bereits eine Apple Watch Series 4 und kann auf Always On und den magnetische Kompass verzichten, sind die Updates zur Series 5 eher gering und rechtfertigen für mich nicht unbedingt einen Neukauf. Da bietet alleine ein Update auf watchOS 6 einen Mehrwert. Trägst du derzeit hingegen eine Series 3 oder älter bzw. hast du keine Apple Watch, dann kann sich eine Neuanschaffung der 5. Generation durchaus aufgrund der Neuerungen aus den letzten beiden Modellserien lohnen.

Und am Ende ist es oftmals auch eine Frage des Preises. Die Apple Watch Series 5 startet mit dem kleineren 40mm Gehäuse ohne Cellular (also ohne LTE-Konnektivität) bei moderaten 449€, wie ich finde. Ein Preis, den man auch bei vielen anderen Sportuhren schnell bezahlen darf. Will man die Uhr als Edelstahlvariante (Cellular bereits integriert) mit 44er Gehäuse haben, so wie ich sie konfiguriert habe, legt man mit 799€ durchaus schon ein stolzes Sümmchen hin. Man darf aber nicht vergessen, dass man eben keine reine Sportuhr kauft, sondern eine Smartwatch, deren Funktionsumfang wesentlich breiter ist. Und genau so betrachte ich sie auch für mich. Ich trainiere seit mehr als anderthalb Jahren fast ausschließlich mit der Watch, trage sie aber auch liebend im Alltag und zum Anzug auf Arbeit. Und dabei konnte mich bisher von Garmin bis TomTom keine Sportuhr völlig überzeugen.


Hier findest du meine Testberichte zu den Vorgängermodellen:

Test: Apple Watch Series 4 - Was kann die neue Smartwatch aus Kalifornien?
Test: Apple Watch Series 3 - Was taugt die Smartwatch als Fitness- und Laufuhr?


Wie gewohnt können auch alle alten Armbänder weiterhin benutzt werden

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